Schöne Platten 2012

Platz 1: Dexys ?One Day I?m Going To Soar?
Das Thema Covergestaltung wurde in den letzten Wochen bereits mehrfach erörtert. Die Dexys wählten für ihr erstes Album seit 1985 die Varianten, ?schlecht ausgeleuchtet?, ?irgendwie dunkel?, ?unscharf? und ?warum steht die Frau da rum??. Dennoch, die Titelprophezeiung erfüllte sich zumindest in England bereits in diesem Jahr. Kevin Rowland steht wieder da, wo er Anfang der 80er schon einmal war: ganz oben. Gegen das Album bleibt einzuwenden, dass es ohne das Wissen um die Live-Inszenierung nicht seine ganze Pracht entfalten kann. Die Frau, die da rumsteht, ist Madeleine Hyland und der weibliche Gegenpart zur Figur Kevin Rowlands, der auf ?One Day I?m Going To Soar? sein Leben Soulrevue passieren lässt. So entsteht eine Läuterungsshow zwischen den Polen ?Je ne regrette rien? und ?What Kind of Fool Am I?, zwischen Al Green, Roxy Music und Chairman of The Board. Und für den Zuschauer entfaltet sich das unterhaltsamste Beziehungsdrama seit Taylor?Burton. Kommerziell ist ?One Day I?m Going To Soar? ein gelungenes Himmelfahrtskommando, künstlerisch ist es das beste Dexys-Album seit mindestens 27 Jahren. dexys

Platz 2: Fehlfarben ?Xenophonie?
In Zeiten, in denen deutsche Musikpreise nach Nazi-Showgrößen benannt werden, in denen das Musik schaffende Künstlertum mittels Wettbewerb von in die Jahre gekommenen Jugendmusikzeitschriften dazu animiert werden muss, Protestsongs zu schreiben ? also quasi zum Demonstrieren auf die Straße getragen werden muss ?, in Zeiten, in denen der Großteil der deutschen Musikpresse in den Fängen anstandsloser und revanchistischer Verlagshäuser wie dem des Springers beheimatet ist, in Zeiten, in denen man vom end- und trostlosen Elend der hiesigen Musikszene gezwungen wird, end- und trostlose Einleitungssätze zu verfassen, in solchen Zeiten also ist ein Album wie das aktuelle der Fehlfarben der Silberstreif am sich von Jahr zu Jahr immer mehr verfinsternden Erwartungshorizont.
Vielleicht wird man auch selbst alt.
Davon kann Peter Hein, der alte Rank-Xerox-Rocker, ein paar Lieder singen. Auf ?Xenophonie? tut er alles, um sich in den ihn umgebenden Fremdklängen zurechtzufinden:
?Ich muss schon lange nicht mehr probieren
die Lage, wie sie ist, zu kommentieren
Ich hab doch lang genug gelebt vom Kopieren
Um jetzt noch den Durchblick zu verlieren.?
Erfahrung rules! Nein, Gevatter Hein blickt durch, denn er weiß, wonach er suchen muss, wo die Koordinaten in diesem Land zu finden sind, zwischen Analyst und Antichrist, zwischen Arbeitsagentur, Laubgebläse und Keyaccountsanierung. Lyrisch ist Hein eine Wucht, musikalisch abwechslungsreich wie nie, politisch der einzig Aufrechte unter den Duckmäusern des Mittelmaß. Vergesst die Monarchie, vergesst den Alltag, die ?Xenophonie? isses!
fehlfarben

Platz 3: Jonathan Jeremiah ?Gold Dust?
Viel gibt es über Jonathan Jeremiah nicht zu berichten. Er ist, je nach Quelle, 1980 oder 1982 in London geboren, lebte lange in den USA, kehrte nach England zurück, um Singer/Songwriter zu werden. Zwischenzeitlich soll er als Wachmann gearbeitet haben. Vergangenes Jahr erschien sein Debüt ?A Solitary Man”, mit dem er sich als Neil Diamond der iGeneration empfahl. ?Gold Dust? ist sein zweites Album. Anja meint, der Mann wirke ?erfüllt verliebt?, Frauen würden gerne von ihm besungen werden. Männer indes wissen: Wer solche bombastisch schönen Lieder für die Ewigkeit komponiert, wer mit so viel Feingefühl, so viel Grandezza, so viel Geschmackssicherheit zu Werke geht, möchte gerne verliebt sein oder war es gerade. Solche Lieder spiegeln nicht die Gegenwart, sie gehören der Zukunft oder, was schwerer wiegt, der Vergangenheit. Muss man sich über Jonathan Jeremiah deswegen Sorgen machen? Eher nicht. Schlimmstenfalls könnte er auf der Straße mit Jesus verwechselt werden, was bis auf wenige Tage im Jahr gefahrlos bleibt. Auf Platte hat er seine göttliche Abstammung längst bewiesen.
jon

Platz 4: Kid Kopphausen ?I?
?Der Tag ist dein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.?
kid1

Platz 5: Rufus Wainwright ?Out Of The Game?
?Out Of The Game? ? das dachten viele auch über Rufus Wainwright, nachdem er sich über die letzten Jahre mit Judy-Garland-Tributes, Opern, Theatermusiken und Shakespeare-Sonetten beschäftigte. Doch dann, kaum ist der Mann Vater geworden, meldet er sich mit Grandezza, Übermut und Stolz zurück auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und das obwohl sein frisch angetrauter Mann, der Berliner Jörn Weißbrodt, einen halben Kopf größer ist und eine ziemliche Boxernase hat.
rufus

Platz 6: Beach House ?Bloom?
Neben vielen Comebacks und Alterswerken gab es 2012 eine angekündigte Rückkehr, die von mir am allerwenigsten erwartet worden wäre. Liz Fraser, in deren Stimme ein BBC-Moderator einst ?the voice of God? zu hören meinte, trat beim Meltdown-Festival auf. Die ehemalige Sängerin der Cocteau Twins kündigte sogar ein Soloalbum an (es wäre ihr erstes), das allerdings auf sich warten lässt. Bis zum Erscheinen tröstet sich die weltweite Cocteau-Twins-Gemeinde mit Beach House, deren Album ?Bloom? das Dreampop-Revival zu einem vorläufigen Höhepunkt führte. Das Duo aus der ?Wire?-City Baltimore folgt bislang am erkennbarsten den emotionalen Klangmustern der Cocteau Twins. Ein Mehr an Pop und ein Weniger an dunklen Gothic-Disco-Bässen machen Beach House mehrheits- und sogar kinderkompatibel. Dass Liz Frasers Stimme immer noch in ganzen anderen Sphären erklingt als die von Beach-House-Sängerin Victoria Legrand, macht dabei gar nichts. Für einen Einstieg hat?s gereicht.
beach

Platz 7: Lee Ranaldo ?Between The Times & The Tides?
Ist es ein Ausdruck von Reife, mit 56 Jahren ein Rockalbum aufzunehmen? Ist es ein Beweis der Rebellion, das all die Jahre zuvor versäumt zu haben? Wer bislang an Soloalben des Sonic-Youth-Gitarristen dachte, hörte experimentellen Lärm und atonales Noise-Gefrickel. Ranaldo war der Mann für das Avant der alten New Yorker Garde. Doch für ?Between The Times & The Tides? tauchte Ranaldo tief in die Gitarrenrockgeschichte ein und damit auch in die seinige. So erinnern die ersten Töne des Openers ?Waiting On A Dream? ganz profan an ?Paint it Black?, um danach in der flirrenden Vielschichtigkeit seiner Stammband aufzugehen. ?Between The Times & The Tides? ist im Grunde ein Sonic-Youth-Album. Es könnte aber auch von Neil Young, den Doors, den Stones, den Byrds oder REM stammen.
lee

Platz 8: Poliça ?Give You The Ghost?
Muss man Kate Bush und Liz Fraser mögen, um Channy Leaneaghs Bühnengebahren als notwendige Unterstützung ihrer Musik zu verteidigen? Leaneagh ist Sängerin der US-Band Poliça, die seit diesem Jahr mit dem Ruf leben muss, die Lieblingsband von Justin Vernon aka Bon Iver zu sein. Auf der Bühne macht sie das, was viele ihrer Sangeskollegen in Ermangelung eines händisch zu bedienenden Instruments machen: Sie hampelt ein wenig exaltiert auf der Bühne rum und wedelt mit den Armen. Das kann man albern finden oder nicht. Fest steht: mittels Akrobatik, viel Auto-Tune auf der Stimme und zwei Schlagzeugern liefern Poliça ein ähnlich (ein)dringliches Debüt, wie es die von der Herangehensweise (emotionale Erpressung, sofortige Ohrwurminfektion, unverstandene Sängerin) nicht unähnlichen Throwing Muses einst hinlegten.
polica

Platz 9: Levek ?Look A Little Closer?
Die viel zitierte örtliche wie zeitliche Allgegenwart der Musik in Zeiten des Internets ? alles ist für jeden jederzeit verfügbar ? führt konsequenterweise auch die Musiker auf immer verschlungenere Pfade durch das plötzlich sich lichtende Dickicht der Musikgeschichte. So ist es möglich, dass 2012 ein Busfahrer aus Florida namens David Levesque alias Levek ein Stück veröffentlicht, das in seiner ganzen Klangästhetik so auch 1969 irgendwo in der englischen Provinz von einem schwermütigen Kunststudenten hätte geschrieben worden sein können. Ein anderer Song beginnt wie ein vergessenes Beach-Boys-Juwell, um dann die Polyrhythmik von Animal Collective zu entdecken und schließlich als Hommage an Ennio Morricone auszuklingen. Leveks Verweishorizont ist scheinbar unbegrenzt. Und indem er die Sounds ihres historischen Kontextes beraubt, stellt er nicht nur die Linearität der Geschichte infrage. Auch die Idee des Musikers und Autors als Chef seines eigenen ?uvres. ?Die Idee war?, so Levek, ?ein Album zu machen, von dem ich immer wollte, dass es andere machen.? In diesem Fall eine Supergroup aus Brian Wilson, Nick Drake, Isaac Hayes, Caetano Veloso, Ennio Morricone, Burt Bacharach und Air.
levek

Platz 10: Bob Young ?Tempest Pill?
Macca rockt mit Nirvana, Kevin Rowland ist younger than ever, Van Morrison hat sich erholt und Bob Dylan und Neil Young liefern die besten Alben seit sehr, sehr langer Zeit ab ? 2012 war ein gutes Jahr für alte Säcke. Wobei Dylan und Young beide das Epische für sich wiederentdeckten und gleichzeitig mit unendlich langen Stücke eine Überlebensmöglichkeit für das Albumformat aufzeigen. Dylans 13-minütiges Titelstück und drei von Youngs Songs (das längste über 27 Minuten lang) sind zumindest bei iTunes nicht einzeln, sondern nur als Album-Bundle erhältlich. Aber wer ist nun besser: Bob oder Neil?
Bob Young

Platz 11: Chilly Gonzales ?Solo Piano II?
Der Soundtrack fürs Neobürgertum, Teil zwei. Oder: So sieht?s aus bei uns zu Haus. Neulich mit meinem Lieblingskneipier um zwei Uhr morgens über Klaviermusik gesprochen: Die neue Chilly Gonzales sei ja so schön. Und überhaupt Klaviermusik. Ich empfahl Fazil Say, der nicht nur gern mit der türkischen Regierung kämpft, sondern vor allem mit seinem Flügel, dessen Saiten er auch schon mal mit Fäusten traktiert. Da wären wir dann schon fast wieder beim Rock?n?Roll, ?Great Balls of Fire? und so. Was ist also das Faszinierende an Chilly Gonzales, der seine Saiten eher streichelt und sich im Übrigen Weltrekordinhaber im Dauerklavierspielen nennen darf? ?Solo Piano II? ist Klassik ohne Klassik, ist Pop ohne die Modernismen, die das 20. Jahrhundert so hervorgebracht hat. Kurzum: Nostalgischer geht?s nimmer. Oder, um es mit Neil Young zu sagen: ?That old-time music used to soothe my soul?.
chilli

Platz 12: Lana del Rey ?Born To Die?
Ja, auch das war 2012. Auf einem schlammigen Festivalgelände zu stehen und zusammen mit ein paar Tausend gummibestiefelten englischen Teenies ein Phänomen zu bewundern, welches das Jahr mit einem unüberhörbaren Gongschlag einläutete, dem im Laufe der Monate aber irgendwie die Luft auszugehen schien. Als hätte man der armen Frau in die Schlauchbootlippen gepikst. Dennoch, ich mag die Platte. Ästhetisch eine Art retrosichtige Zukunftsvision ist sie für mich stimmungsmäßig das Sequel zu ?Melancholia?, diesem rauschhaft schönen Film von Lars von Trier.
lana

Kommentieren ist momentan nicht möglich.