Marc Fischer 1970-2011

Ein Freund
Es war das höchste Kompliment, das Marc Fischer einem Menschen machen konnte. Und es war gleichzeitig sein häufigstes: ?Du bist ein Freund? rief er zwischen dauerhaftem Übermut und eben mal Hereinschneien, zwischen zwei Bieren, zwischen Redaktionsschluss und Jetlag. Oder auch: “Du bist ein echter Freund” ? als ließe sich Freundschaft in ihrer Wertigkeit je nach Belieben und Wetterlage steigern. Marc konnte das, und irgendwie glaubte man ihm. Dabei war es nicht immer leicht, Marcs Freund zu sein. Er war so verlässlich wie ein guter Hamburger Sommer. Für jeden sonnigen Tag ließ er einen zehnmal im Regen stehen. Sein “Du bist ein Freund” war nach ein paar Jahren patschnass und löste sich folglich in bloßes Wohlgefallen auf.
Kennenlernen taten wir uns Anfang der 90er-Jahre, wir studierten, Marc machte ein Praktikum, ich glaube bei “Prinz”. Nebenbei schrieb er für das Britpop-Fanzine “Panic”, ich sammelte erste Schreiberfahrung bei dem Kultur-Fanzine “Glasz”. Beide Magazinen erschienen sehr unregelmäßig, Marc und ich wollten öfter schreiben, also gründeten wir was Kleines für zwischendurch – xxs. Das erste Heft erschien im November 1993. Marc hatte die New Yorker Band Luscious Jackson interviewt, und warum er die so toll fand, verriet er gleich im ersten Satz: “Geschichtenerzähler sind das, Märchentanten”. Denn Marc Fischer war selbst der größte Geschichtenerzähler. Egal wie grau und eintönig der Alltag sein konnte, Marc schien alles durch ein kunterbuntes Kaleidoskop zu sehen, in dem sich die Dinge je nach Blickwinkel und Neigungsgrad zu immer neuen Deutungsmustern zusammensetzten. Langweilig war es mit ihm nie. Dass es ihm einmal langweilig werden sollte, daran mochte niemand glauben. Weder damals noch gestern, als die Nachricht von seinem Tod die traurige Runde machte. Wir sind uns in den vergangenen 15 Jahren nur noch ein halbes Dutzend Mal über den Weg gelaufen. Seine Karriere vom Praktikanten zum Starreporter verfolgte ich mit einer Mischung aus Neugierde (Geschichten von unzähligen Reisen), Neid (Seele baumeln lassen mit Kate Moss, mit Björk aufm Dach etc.) und Verwunderung (Artikel in “Welt”, “Bild am Sonntag” und ähnliche Verirrungen im Boulevarddickicht) und irgendwann mit Desinteresse (will der immer so weiterleben?). Ne, wollte er nicht. Bei einem unserer letzten zufälligen Treffen schlug er vor, xxs wieder aufleben lassen. Eine Jubiläumsnummer sollte her. 16 Jahre, 20 Jahre xxs, irgendwas würde uns schon einfallen: ” … and who are we not to do our own jubiläum, no?” Ja, Marc hätte sicher noch ein paar Geschichten zu erzählen gehabt. Er wird sie jetzt woanders erzählen.
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